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Teil 7: Von Arbeit und Krankheit

Marie Dechene 02. April 2019 06:42

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    Der Aufstieg auf den Tafelberg wird mit einem atemberaubenden Ausblick auf Kapstadt belohnt – aktuell leider keine Option für Marie, die krank im Bett liegt.

Südafrika Trotz Chaos macht Marie die Arbeit mit ihrer Klasse Spaß. Die Kinder hat sie schon richtig in ihr Herz geschlossen, auch wenn sie so manche Kuriositäten veranstalten.

Als ich das erste Mal das „Kids-Shack“-Gebäude betreten habe, hätte ich durch die kahlen, leicht abbröckelnden Wände, im ersten Moment eher Lager- oder Büroräume vermutet. So trist und langweilig das Gebäude dadurch vielleicht wirken mag, so laut und chaotisch geht es im Inneren zu, denn leise ist es hier nie. Schon wenn man morgens um neun Uhr im Treppenhaus steht, kann man die ersten Kinder laut toben hören: Joshua. Skya. Seth. Eden. Diese kleinen Rabauken sind wohl die wildesten, mit denen ich hier zu tun habe, doch man kann trotzdem nichts anderes, als sie sofort ins Herz zu schließen. Das gilt für alle vierzehn Kinder, die in den beiden Klassen unterrichtet werden.
 
Vierzehn Kinder klingen im ersten Moment vielleicht nicht viel, aber wenn man beide Klassen erst einmal kennengelernt hat, dann würde man diese Aussage definitiv überdenken. Beide Klassen haben sich nämlich auf Autistenförderung spezialisiert, weshalb alle Schüler verschiedene Formen von Autismus aufweisen.
 

Eines der Kinder will den anderen immer Schuhe und Socken ausziehen

Bevor ich hier angefangen habe zu arbeiten, dachte ich immer, dass Autisten sehr in sich gekehrt, sehr mit sich beschäftigt sind und von ihrem Umfeld nicht so viel mitbekommen. Dann habe ich Joshua kennengelernt, und die Zwillinge Skya und Seth und aufgedrehtere Sechs-Jährige habe ich, glaub ich, noch nie kennengelernt.
 
Man merkt schon, dass sie manchmal so tief in ihrer Welt versunken sind, dass sie ihre Umgebung ausblenden. Dann stehen sie zum Teil mitten im Raum und bekommen es nicht mit, wenn sie angesprochen werden – oder schauen durch dich hindurch, wenn du ihnen in die Augen guckst.
 
Manche von den Kindern haben aber auch ziemlich wache Momente, in denen sie mit dir spielen oder dir etwas zeigen wollen – und auch wenn nicht alle reden können, machen sich doch alle bemerkbar.
 
So besteht mein Alltag daraus, während der „Playtime“ zu spielen und zu toben und während „Work-“ oder „Lunchtime“ dafür zu sorgen, dass sie am Tisch sitzen bleiben, nicht mit ihrem Essen werfen, beziehungsweise überhaupt etwas essen; dass sie üben, den Löffel zum Mund zu führen.
 
Ich helfe, ihnen die Stifte richtig zu halten und erinnere sie immer wieder daran, sich zu konzentrieren – und das gleichzeitig! Da geht es manchmal drunter und drüber. Die einen stehen ständig auf, die anderen wollen ihren Stift nicht halten oder die Übung machen, wieder andere wollen den Stift lieber essen, als damit zu malen.
 
Einige von den Kindern haben zusätzliche einige Ticks oder Verhaltensweisen. Seth will allen immer Schuhe und Socken ausziehen und versteckt dann die Socken an den verschiedensten Orten (was dazu führt, dass ich immer ein paar Ersatzsocken dabei habe). Eden schüttelt ständig ihre Hände und ihren Kopf oder hüpft auf und ab. Joshua läuft häufig mit wedelnden Armen durch die Gegend – das führt dazu, dass ich auch schon die ein oder andere leichte Backpfeife abbekommen habe!
 

Man merkt, wie die Kinder langsam auftauen

Trotz all dem Chaos, kann man dennoch nichts anderes als jedes einzelne Kind ins Herz zu schließen. Jedes Kind ist auf seine Weise besonders und alleine, wenn sie dich beim Spielen umarmen oder dir nur wirklich in die Augen schauen hat sich das ganze Chaos auch schon gelohnt. Man muss nur das Lachen der Kinder hören oder das Funkeln in ihren Augen sehen und einem wird direkt warm ums Herz. Denn wenn sich diese Kinder freuen, dann tun sie das mit ihrer ganzen Seele und es ist fast so, als könnte man diese Freude selber spüren!
 
Außerdem merkt man richtig, wie die Kinder mir gegenüber auftauen, je länger ich da bin. Sie gewöhnen sich an mich und ich gewöhne mich an ihren Schulalltag. Da bei Autisten viel mit Wiederholung und verschiedenen Reizen gearbeitet wird, werden hier dieselben Lieder immer wieder gesungen. Für Wochentage, Monate, Zahlen, Farben, das Wetter, das Gebet zum Essen– alles hat ein Lied, und ich kann inzwischen alle. Ich glaube sogar, ich werde sie in zwanzig Jahren noch können, so oft wie ich sie hier singe.
 
Neben der Arbeit in dieser Woche war dann aber auch nicht viel mit mir anzufangen, denn passend zum Wochenende, lag ich dann krank im Bett, oder eher auf der Couch. Während die anderen sich auf den Weg zum Strand gemacht haben, auf Essensmärkte gegangen sind oder den Tafelberg hochgewandert sind, habe ich den Tag damit verbracht Tee zu trinken und zu schlafen. Wenn dann alle weg sind, wirkt das Haus hier nicht mehr gemütlich, sondern einfach nur noch leer und riesig und man fühlt sich ziemlich einsam. Einzige Möglichkeit dem zu entrinnen: Hinausgehen. Aber damit war mein Körper so gar nicht einverstanden, deswegen habe ich versucht, mit Filmen und Büchern das Beste aus der Sache zu machen.

Es ist schon verrückt, wie schnell einem hier die Decke auf den Kopf fällt! Zuhause sind solche Tage, wenn man den Krankheitsaspekt auslässt, einfach entspannend und wohltuend. Hier hat man das Gefühl nur dumm rumzusitzen und alles Wichtige zu verpassen. Das in Kombination mit schmerzenden Gliedern und entzündenden Mandeln ist definitiv nicht die beste Kombination. Deswegen kann ich es kaum erwarten, bald wieder arbeiten zu gehen, denn dann kann ich nicht nur endlich wieder das Haus verlassen und Sachen unternehmen, ich sehe auch meine kleinen Rabauken endlich wieder!
 
Info zur Autorin:

Marie Dechêne (18, Recklinghausen) verbringt die nächsten sechs Monate in Kapstadt. Dort hilft sie im Rahmen des Freiwilligendienstes Rainbow-Garden-Village (RGV) für jeweils zwölf Wochen in Tageskliniken und in einem Special-Care-Center für geistig beeinträchtige Menschen. Bei Scenario erzählt sie von ihren Eindrücken.

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