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Früher war alles besser: Deutschrap - die Abrechnung

Ole Neumann 08. Februar 2019 09:18

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    Ist das guter Rap oder kann das weg? Wenn aus den Kopfhörern nur Müll in Form von menschenverachtenden Texten dröhnt, ist es konsequent, die Ohren lieber für andere Dinge aufzusperren – zum Beispiel für Vogelgezwitscher im Wald.

Ein jeder Mensch erreicht in seinem Leben den Punkt, an dem er sich erstmalig mit einem speziellen Musikgenre identifiziert, sich diesem verbunden fühlt und folglich den eigenen Fokus primär darauf legt. Bei mir war dieses Genre Rap.

Es war noch vor Beginn meiner Pubertät, als niemand Geringeres als meine Mutter mich mit den überlebensgroßen Figuren des Genres wie Tupac Shakur und Eminem vertraut machte und mich Rap als die Stimme derer kennenlernen ließ, denen sonst kein Gehör geschenkt wird. Die stets ambivalente, aussagekräftige und doch lebensfrohe Energie, die in den Texten dieser oftmals schillernden Persönlichkeiten transportiert wurde, war für den unsicheren Jungen ohne Selbstbewusstsein, der ich war, eine nur allzu willkommene Realitätsflucht mit gar profundem Unterbau. Endlich konnte ich Dinge auf eine rebellische und doch verkopfte Art hinterfragen.

Heute, über zehn Jahre später, haben sich viele Dinge geändert. Spricht man heute von den modernen Stars des Raps, ist es hierzulande selbstverständlich, an die „187 Strassenbande“, „Capital Bra“ oder „RAF Camora“ zu denken, die das fast unbestrittene Fundament ihrer Karriere immer wieder durch ihren festen Platz in den deutschen Charts zementieren und die Speerspitze des gesamten Genres Deutschrap sind. Als Verfechter der gesellschaftlichen Relevanz dieser Musikrichtung sollte es mich stolz machen zu sehen, wie auch deutschsprachige Künstler mit ihren Werken eine mittlerweile sogar internationale Reichweite bekommen und allein durch ihre Musik einen immer größeren Einfluss haben. Doch das tut es nicht. Das Gegenteil ist der Fall.

Ich sehe in diesen Personen nicht die Anführer einer Bewegung, die soziale sowie ökonomische Missstände ankreiden und die Hoffnung all derer bilden, die für den Ausdruck ihres Leids keine Plattform haben. Sondern ich sehe nahezu lächerliche Comicfiguren, die sich hauptsächlich über ihren Grad an Intoleranz, Gewaltbereitschaft und materiellem Vermögen definieren. Ich sehe eine Parallelgesellschaft, die die inhaltlich nur allzu simple, musikalische Verarbeitung und allem voran Verherrlichung der eigenen Laster und Süchte als letzte Chance gesehen hat, um aus ihren Fehltritten Profit zu schlagen. Ich sehe arrogante Betrüger, frauenfeindliche Proleten und kalkulierende Geschäftsmänner, die unter dem Deckmantel der Kunst bei vollstem Bewusstsein durch ihre fragwürdigen und doch massenkompatiblen Texte eine heranwachsende Generation beeinflussen, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen werden zu können.

Falsche Botschaften werden zu Wahrheiten

Horrorfilme sind nicht der Grund für grausame Morde in dieser Welt, so sind auch Gangster-Rapper nicht der alleinige Grund für Kriminalität Heranwachsender auf den Straßen. Nur sind es gerade jene jungen Leute, denen der differenzierte Umgang mit Medien in der Regel noch fremd ist, und dieser will besonders angesichts brisanter und heute allen Altersgruppen zugänglicher Inhalte gelernt sein!

So entsteht meiner Ansicht nach eine geradezu giftige Wechselwirkung aus zunehmendem Erfolg moralisch verwerflicher Produkte innerhalb der Musikindustrie und ansteigendem Einfluss selbiger. Jener Gangster-Rap führt zur aussichtslosen Lebensphilosophie in den Köpfen der jungen Hörer, die es schlichtweg nicht besser wissen und einer komplett realitätsfernen Illusion hinterherjagen.

Im schlimmsten Fall ahmt die vorwiegend junge Hörerschaft ihren Vorbildern nach. Für mich eine besorgniserregende Entwicklung, blickt man auf den unbestreitbaren Erfolg des deutschen Mainstream-Raps und deren Aushängeschilder, die immer mehr zu verstehen geben, dass taktvolle Ehrlichkeit und Mitgefühl in das von ihnen propagierte Bild eines Erwachsenen nicht reinpassen.

Ich weiß, dass das, worüber gerappt wird – zum Beispiel über Gewalt, Macht, Geld – nicht der Wahrheit entspricht. Doch ebenso weiß ich, dass das, was in der Unterhaltungsindustrie als Standard des konventionellen, musikalischen Erfolgs gesehen wird, in der Wahrnehmung der deutschen Rap-Anhänger zur Wahrheit gemacht wird. Die ist jedoch weder eine, die man glauben sollte, noch als tugendhafter, reflektierter Mensch glauben kann.

Für mich ist Deutschrap – zumindest in weiten Teilen – zum Geschäft geworden, in dem Aussage, Komplexität und vor allem Kreativität in den Hintergrund gerückt sind und nichts, das eine Mutter jemals ihrem kleinen Sohn zeigen würde, denn: Wofür die Stimme derer hören, denen man sonst kein Gehör schenkt, wenn sie sie nicht nutzen, um etwas Sinnvolles zu sagen?

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