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Cornern am Kiosk: Von Büdchen zu Büdchen

Josephine Struckmeier 14. Juni 2018 09:19

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    Wenn der Kiosk zum Club wird: Beim "Cornern" ziehen Partygäste von Büdchen zu Büdchen.

Hauspartys sind vor allem für Gastgeber oft nicht besonders schön. Vielleicht hat sich deshalb etwas bei uns etabliert, was „Cornern“ genannt wird. In der Uni-Stadt Münster wird anders gefeiert. Statt drinnen spielt sich die Party häufig draußen ab. Cornern ist längst zur Partykultur unter den Studierenden geworden. Was das ist? Einzelne Gruppen treffen sich an den Büdchen, kaufen ihre Getränke, verweilen dort für eine Zeit und ziehen dann zum nächsten Kiosk weiter.

Ich hörte, dass neue Studis schon in der ersten Woche mit dem Cornern vertraut gemacht werden – und das machte mich neugierig: Was ist so besonders daran, von einem Büdchen zum anderen Büdchen zu ziehen? Darum wage ich den Selbstversuch und fahre nach Münster, um das Cornern selbst zu testen.
Ich begleite meine 21-jährige Freundin Nina, die in Münster Design studiert.

Mir fällt schnell auf: Die Büdchen in Münster sind genau so unspektakulär wie die bei uns im Ort. Von außen erscheinen sie optisch genauso unattraktiv. Dieser Eindruck wird innen weiter bestätigt: Die Wände bestehen aus Kühlschränken, Süßigkeiten- oder Tabakregalen.

Es gibt kaum Platz, denn die sich stapelnden Bierkästen lassen nicht viel Spielraum. Reizüberflutung im Neonlicht, alles ist bunt und durcheinander und doch finde ich mich schnell zurecht. Viel Zeit zum Auswählen bleibt mir eh nicht, denn die nächsten betreten schon das Büdchen und ich muss Platz machen. Die Mitarbeiter sind diesen Ansturm anscheinend gewohnt: Ob Flaschenöffner, Sammelbecken für Kronkorken oder leere Kästen für ausgetrunkene Flaschen, die Büdchen haben sich mit der Zeit daran gewöhnt, Teil einer Partykultur zu sein.

Der Besitzer erzählt spannende Geschichten

„Meistens treffen wir uns mit drei oder vier Leuten an einem Büdchen, um zu starten, schon beim zweiten trifft man die ersten Leute, die sich der Gruppe anschließen. Wir gehen nun zu meinem Lieblingsbüdchen“, beschließt Nina. Ihre Route wirkt routiniert, mir wird schnell klar, dass sie so öfter ihre Wochenenden verbringt. Ihr liebster Kiosk liegt in der Nähe des Hauptbahnhofs. Das Büdchen gefiele ihr besonders gut, erzählt sie, weil der Besitzer immer spannende Geschichten erzählen würde.

Auch an dieser Station werde ich nicht von einer überragenden Optik umgehauen. Wir befinden uns an einer viel befahrenen Straße und stehen vor einem vom Neonlicht grell erleuchteten Laden. Und doch tummeln sich viele Studierende davor.

Wie es sich für Münster gehört, ist der Gehweg mit Fahrrädern überfüllt. Dieser Kiosk ist wohl nicht nur Ninas Liebling. Da es mich interessiert, wie das Cornern auf der „anderen Seite des Tresens“ wahrgenommen wird, frage ich direkt beim Verkäufer nach: „Die Stimmung der Studierenden ist immer gut, wenn sie bei uns eintreffen. Sie sind froh, dass es einen Ort gibt, an dem sie so eine vielfältige Auswahl an Getränken haben und an dem sie dann auch noch eine Zeit verweilen können. Manche Büdchen sind so beliebt, dass sie Bio-Getränke eingeführt haben, um ihr Sortiment zu erweitern.“ Auch der Eindruck des Verkäufers bestätigt also: Die Büdchen sind besonders bei den Studierenden beliebt.

Doch ist es nicht seltsam, dass gerade unsere Generation so auf „Cornern“ steht? Wir sind doch immer auf der Suche, nach einer neuen reizvollen Kulisse für den nächsten Post in den sozialen Netzwerken. Am meisten kommen stylishe Locations an, oder? Nun ja, die Corner-Gruppen schenken lieber den Büdchen ihre Zeit, statt sich in modischen Szenelokalen aufzuhalten und dort Selfies zu machen.

Nach diesem Abend ist mir klar: Die Büdchen überzeugen mit ihrem Charakter und nicht mit oberflächlichem Design. Nina bekommt vom Büdchen-Besitzer eine Packung M&Ms geschenkt, weil sie dieses bei ihren Freunden bekannt gemacht hat. Es sind diese kleinen Gesten, weshalb viele das Büdchen den angesagten Clubs vorziehen. Einfach mal rausgehen und seine Leute treffen. In Bewegung sein und durch die Stadt ziehen. Ohne ein Vermögen ausgeben zu müssen. Dies ermöglichen nur die Büdchen.

Trotz anfänglicher Zweifel hat mich das Cornern überzeugt. Ich betrachte es nicht mehr nur als Zeitvertreib, als reines Abhängen, als Rumlungern. Viel mehr ist es eine Chance für unsere Generation, zu beweisen, dass wir uns nicht nur für Smartphones interessieren, sondern rausgehen – dahin, wo es auch nicht so schön ist. Die Büdchen beweisen, dass man mit Charakter überzeugt und nicht mit gutem Aussehen.

Übrigens: Cornern könnt Ihr an einem besonderen Tag, dem „Tag der Trinkhallen“. Am 25. August 2018 dreht sich dann nämlich alles um Kumpels, Klümpchen und Kultur. An diesem Samstag finden vor oder in ausgewählten Trinkhallen im gesamten Ruhrgebiet Events statt. An 50 ausgewählten Buden wird es zum Beispiel zwischen 15 und 22 Uhr ein kostenfreies Kulturprogramm der besonderen Art geben.
Mehr Infos findet Ihr auf: www.tagdertrinkhallen.ruhr

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