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Felix in Mexiko: Essen, unterrichten und sporteln

Felix Feldmann 05. Februar 2018 09:27

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    Felix ist schwer bepackt mit seinem Instrument unterwegs. In Mexiko tourt er durch die Dörfer, um anderen das Gitarrespielen beizubringen.

Teil 5 Der heutige Tag fängt damit an, dass ich weine. Aber nicht, weil ich traurig bin oder so glücklich, sondern, weil ich mich beim Frühstück mit dem Chili verschätzt habe.

Ich habe mir zwar in den vergangenen Wochen beim Über-den-Markt-Spazieren immer wieder von Lety, der Köchin, die Namen und Unterschiede der gefühlt 50 verschiedenen Chilisorten erklären lassen, aber alles ist anscheinend noch nicht hängen geblieben. Das mit den 50 verschiedenen Sorten ist tatsächlich kaum übertrieben, denn Chili gibt es in vielen verschiedenen Größen und Formen, und die grünen Schoten werden irgendwann rot, und wenn man sie noch länger liegen lässt, werden sie trocken, und jedes Mal schmecken sie anders und haben andere Namen. Chili ist in der mexikanischen Küche quasi allgegenwärtig. Ob in Salsas, im Rührei oder in der Suppe, hier wird fast jede Mahlzeit scharf gegessen. Sogar Früchte werden oft mit Chilipulver serviert, was wirklich gar nicht schlecht schmeckt.

Mittlerweile habe ich fast jeden Tag ganz gut was zu tun, worüber ich echt froh bin, weil ich mich jetzt nicht mehr so unnütz fühle wie zum Teil noch am Anfang, und jeden Tag etwas Neues erlebe. Heute stehen auch wieder einige Sachen auf dem Programm: Heute Abend gebe ich endlich mal meinen ersten Englischkurs, nachdem ich seit Monaten immer wieder danach gefragt wurde. Allerdings hat sich der Termin erst relativ spontan ergeben, weshalb ich noch nicht so vielen Leuten Bescheid geben konnte. Na ja, es haben immerhin neun Leute zugesagt, das ist ja für den Anfang schon mal ganz gut.

Vor dem Englischkurs werde ich allerdings noch in ein Dorf in der Nähe von Teco fahren, um dort einen Chor zu besuchen. Seit ein paar Wochen arbeite ich mehrmals die Woche mit verschiedenen Chören in der Umgebung von Teco und helfe ihnen ein bisschen beim Gitarrespielen, beim Singen oder beim Arrangieren des Chores, soweit ich das eben kann. Das macht mir sehr viel Spaß, und allein der Weg in die oft etwas zurückgezogenen Dörfer, durch hügelige, felsige Kakteenlandschaften, ist jedes Mal ein Erlebnis. Da es im Moment kein Auto gibt, das ich benutzen könnte, fahre ich immer mit dem Combi, so nennt man hier die Minibusse, die gängigsten Fortbewegungsmittel für kurze bis mittellange Strecken. Mit dem Auto wäre ich zwar schneller, aber so kann ich mich einfach zurücklehnen und den Ausblick genießen.

Abfahrtszeiten sind anders als gedacht

Das Dorf, in das es mich heute verschlägt, heißt Dedhó, und es ist das erste Mal, dass ich dort hinfahre, also frage eine Verkäuferin, die in der Nähe arbeitet. Sie sagt mir, dass der nächste so gegen zwei Uhr fährt, und danach erst wieder um sieben. Es ist kurz vor eins und dem Chor habe ich mich um vier Uhr verabredet. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass zumindest jede Stunde einer fährt, hab‘ ich mir irgendwie in den Kopf gesetzt. Jetzt muss ich schnell umdisponieren.

Da ich mal gehört habe, dass Dedhó gar nicht so weit weg von Teco sein soll, frage ich mal im Pfarrbüro nach, wie lange es wohl zu Fuß dorthin dauern würde, und bekomme von drei Personen drei verschiedene Antworten: „Zu Fuß ist das zu anstrengend, da geht’s nur den Berg hoch“, „Doch geht schon, 20 Minuten, halbe Stunde bist du da“, „Nee, das dauert bestimmt eine Stunde“. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass die meisten Mexikaner mit ihren Zeitangaben eher untertreiben, also entscheide ich mich dagegen, zu laufen.

Ich bereite schnell die Englischsachen zu Ende vor und setze mich um zwei Uhr in den Combi. Dann muss ich halt in Dedhó noch ein bisschen warten, und vielleicht kann ich mir da irgendwo noch was zu essen holen. 20 Minuten später bin ich oben auf dem Berg angekommen – den Weg hätte ich echt nicht laufen wollen –, steige aus und werde von einem kleinen Jungen begrüßt, der mit mir im Combi saß: „Hola, komm mit, du kannst hier im Garten warten“. Ich habe keine Ahnung, wer das ist, aber anscheinend weiß er, wer ich bin und warum ich hergekommen bin. Okay, ich habe auch eine Gitarre dabei.

Besagter Garten ist gleich um die Ecke, der Junge verschwindet im Haus, und draußen sitzt ein älteres Ehepaar, das mich einlädt, mich dazuzusetzen. „Gracias“. Hier sitze ich nun also mit den beiden, die Frau sortiert Maiskörner, und das anscheinend schon seit einer Weile, denn auf dem Boden liegen etliche leere Maiskolben und ein Eimer voller Maiskörner. Der Mann webt irgendwas – ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, was er da tut, aber er flechtet ein Band in einem Holzrahmen zu einem Netz. Besser kann ich das nicht beschreiben. Ich würde ihn gerne fragen, was er da tut, aber wahrscheinlich könnte ich mit dem spanischen Begriff sowieso nichts anfangen, weil ich weder weiß, was „Flechten“ oder „Weben“ noch „Holzrahmen“ auf Spanisch heißt. „Sind sie die Familie von Olivia?“, frage ich. Olivia ist die Frau, mit der ich mich für die Chorprobe verabredet habe. „Ja wir sind ihre Eltern, und der Junge da ist ihr Neffe.“ Langsam fügt sich ein Bild zusammen.

Was mache ich hier jetzt die ganze Zeit?

Nur, was mache ich jetzt hier die ganze Zeit? Und wie bin ich eigentlich hier gelandet? Vor einem Jahr saß ich noch in der Uni, und jetzt sitze ich hier in einem Garten in einem kleinen Dorf mitten in Mexiko, bei einer Familie, die ich so gut wie gar nicht kenne. Irgendwie lustig. Ein Hund liegt auf dem Boden und schläft, es laufen Hühner herum, einige Meter weiter sind ein paar Ziegen eingezäunt, ab und zu hört man einen Esel. Na ja, immerhin ist das Wetter schön.

Da kommt auch schon Olivia aus dem Haus, begrüßt mich und entschuldigt sich, dass sie mich hat warten lassen. Dabei habe eher ich ein schlechtes Gewissen, dass ich viel früher als verabredet hergekommen bin. Will ja niemandem auf die Nerven gehen. Darüber scheint sich aber niemand Gedanken zu machen. Schnell hat sich auch die Frage erledigt, wie ich die Zeit überbrücke, denn Olivia holt ihre Gitarre raus und fragt, ob ich ihr ein paar Akkorde beibringen kann. „Klar“, sage ich, ihr Sohn kommt auch dazu und den Rest der Zeit spielen wir Gitarre. Kurz bevor die Chorprobe losgeht, lädt sie mich noch wie selbstverständlich zum Essen ins Haus ein. Wahnsinn, diese Gastfreundlichkeit!

Nach der Probe kann mich zum Glück noch jemand mitnehmen, der sowieso nach Teco fährt, weshalb ich pünktlich zu meinem Englischkurs ankomme. Leider sind außer mir nur drei Leute da. Dass eine Zusage hier nicht unbedingt immer ganz so verbindlich ist, habe ich schon öfter festgestellt, aber irgendwie habe ich doch gehofft, dass ein paar mehr Leute kommen. Na gut, es war ja auch alles etwas spontan diese Woche. Dann werde ich bis nächste Woche noch ein bisschen mehr Werbung machen, damit hoffentlich mehr Leute aufkreuzen.
Nach dem Kurs gehe ich noch spontan Volleyball spielen, zum ersten Mal seit anderthalb Monaten. Die Bewegung tut gut und ich merke, dass ich lange keinen Sport mehr gemacht habe, denn in der Weihnachtszeit war ich viel zu sehr mit Essen beschäftigt. Das ist zwar meistens sehr scharf, aber auch verdammt lecker!
Felix Feldmann (23, Marl) verbringt die nächsten zwölf Monate in Mexiko. In der Dorfgemeinde Tecozautla im Bundesstaat Hidalgo arbeitet er im Rahmen eines „weltwärts“-Freiwilligendienstes in sozialen Projekten hauptsächlich mit Kindern und Jugendlichen. Hier bei Scenario könnt Ihr an seinen Erfahrungen teilhaben.

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