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Hannah in Costa Rica: Alarmstufe Rot, sonst alles gut

Hannah Köhn 12. Dezember 2017 10:53

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    Wir waren um Hannah in Sorge, nachdem uns die Nachricht des Tropensturmes in Costa Rica erreichte. Hannah hat alles aber zum Glück glimpflich überstanden und konnte sich sogar ein WM-Qualifikationsspiel im Stadion ansehen.

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    Hannah hat ihre Gastfamilie ins Herz geschlossen und hält fröhliche Momente mit ihrer Kamera fest.

Teil 11 Jetzt bin ich endlich in der Gastfamilie, in die ich von Anfang an sollte und ich fühle mich richtig wohl hier. Meine Gastschwester Hellen konnte ich vergangenen Winter schon in Deutschland kennenlernen. Der Rest der Familie ist ebenfalls supernett. Der Gastvater hat sogar eine neue Wand in dem Haus gezogen, um mir ein eigenes Zimmer zu bauen.

Ich wohne jetzt in Tres Ríos, in der Provinz Cartago, in den Bergen. Außer Hellen und mir wohnen meine Gastmutter Auxiliadora, mein Gastvater Carlos, mein Gastbruder Carlos und seine Kinder Jean-Karlo und Krystel bei uns im Haus. Mein anderer Gastbruder Xavier wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern eine Straße weiter.

Meine neue und meine alte Gastfamilie, bei der ich mich ja nicht wohlgefühlt habe, könnten nicht verschiedener sein. Hier ist immer was los und von überall hört man Musik, sei es aus der Küche, aus dem Schlafzimmer oder aus dem Nachbarhaus.

Mittlerweile bin ich schon im ganzen Dorf bekannt. Letztens, auf dem Weg zum Bus, bin ich mit einem jungen Mann zusammengestoßen und direkt entschuldigte er sich: „Disculpe Hannah!“
Total verwirrt habe ich überlegt, woher er denn wohl meinen Namen kennt, denn ich kannte ihn nicht. Aber so läuft das wohl auf dem Dorf, stimmt’s? Jeder kennt jeden und mittwochabends beim Zumba-Treff in der Sporthalle der Grundschule wird der neueste Klatsch und Tratsch ausgetauscht.

Erst war es ruhig, dann kam der Sturm

Die vergangenen Wochen waren recht ruhig. Das wohl ereignisreichste Erlebnis für mich war der Tropensturm Nate. Der einzige Nachteil in meiner neuen Familie ist aber, dass ich hier kein WLAN habe und daher natürlich nichts mitbekommen habe von dem nahenden Sturm.

Morgens habe ich mich schon gewundert, dass es die ganze Nacht durchgeregnet hatte und immer noch regnete – es ist hier nämlich nicht üblich, dass es morgens regnet. Trotzdem habe ich mich, wie gewohnt, um sechs Uhr auf den Weg nach San Jose gemacht, damit ich um sieben Uhr anfangen kann zu arbeiten.

Bei meiner Ankunft habe ich mich gewundert, wieso das Büro der „Damas Voluntarias“ geschlossen ist und konnte auch nicht ganz entziffern, was auf dem Zettel stand, da ich das Wort vor „roja“ nicht kannte. Ich habe nur verstanden, dass das Büro bis zum Samstag geschlossen sein wird und halt irgendetwas mit der Farbe rot.
Ich habe mir nichts dabei gedacht, da die „Damas Voluntarias“ rote Trachten tragen und die Voluntariasjuveniles, zu denen ich gehöre, weiße T-Shirts. Also habe ich mich einfach an die Arbeit gemacht. Der ganze Tag war ziemlich ruhig und man hat nicht viele Menschen gesehen, es waren nicht viele Kinder dort und alle Leute haben mich irgendwie komisch angeguckt. Vermutlich hätte mich das stutzig machen sollen. Am Nachmittag, auf dem Weg nach Hause, kam es mir dann aber doch komisch vor, da es immer noch regnete und die Straßen ziemlich leer waren.

Mittlerweile weiß ich, dass „alerta roja“ Alarmstufe Rot heißt.
Zum Glück gab es in meinem Dorf keine Überschwemmungen. Trotzdem kam es am Abend zu Strom- und Leitungswasserausfällen. Die beiden Kinder meines Gastbruders hatten total Angst, da es draußen auch schon stockduster war. Zum Glück hatte ich kurz vorher mein Handy noch aufgeladen, sodass ich mit der Taschenlampe die Küche beleuchten konnte, wo wir uns versammelt hatten.
Mit einem Gaskocher für genau solche Notfälle kochte uns meine Gastmutter ein leckeres Süppchen, und als wir alle gesättigt waren, kam der Strom auch schon zurück.

Leider sind alle Straßen, die aus dem Landesinneren führen, durch Erdrutsche ziemlich stark beschädigt oder teilweise sogar mit abgerutscht, sodass ich wohl in nächster Zeit erst einmal nicht mehr reisen kann. Aber eigentlich ist es nur halb so wild, da ich auch gerne Zeit mit meiner neuen Gastfamilie verbringe.
Jetzt ist auch endlich alles gut. Meine Gastfamilie ist super, mein Projekt ist mit Abstand das Beste und in 15 Wochen geht es schon wieder nach Hause. Das kann doch nicht wahr sein?!

Um sechs Monate verlängern?

Ich hatte überlegt, um sechs Monate zu verlängern. Natürlich würde ich meine Familie und meine Freunde schrecklich vermissen, aber ich habe mich noch nicht bereit dazu gefühlt, Costa Rica bald schon wieder zu verlassen. Es kommt mir vor, als wäre ich gerade erst hier angekommen. Ich habe lange hin und her überlegt und hatte mich tatsächlich dafür entschieden zu bleiben, da ich nur einmal diese unglaubliche Chance habe. Es hätte tatsächlich alles geklappt, meine Gastfamilie hat mir angeboten, länger bei ihnen zu bleiben und meinen Rückflug hätte ich auch umbuchen können. Die ganze Sache hatte jedoch einen Haken. Aus organisatorischen Gründen hätte ich das Landesinnere verlassen und somit mein Projekt und meine Gastfamilie wechseln müssen.

Seitdem steht für mich fest, dass ich, wie geplant, zurück nach Deutschland fliegen werde. Denn ich habe einfach die Befürchtung, dass die neue Gastfamilie wieder eine Verschlechterung sein würde – und es gibt außer dem Kinderkrankenhaus keine weiteren Krankenhäuser, in denen man einen Freiwilligendienst machen kann. Ich glaube, in einer Schule zu arbeiten, wäre gar nicht mein Ding und warum sollte ich mir das antun, wenn ich in Deutschland im kommenden Semester mein Medizinstudium beginnen kann?
Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass es wohl nicht sein sollte, und freue mich sogar schon auf zu Hause. Trotzdem weiß ich, dass ich die näher rückende Heimreise wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge antreten werde.
Hannah Köhn (20, Marl) verbringt die nächsten zwölf Monate in Costa Rica. In der Hauptstadt San José arbeitet sie im Rahmen eines „Internationalen Jugendfreiwilligendienstes“, kurz IJFD, im Kinderkrankenhaus. Hier bei Scenario könnt Ihr regelmäßig lesen, wie es Hannah ergeht und was sie Spannendes erlebt.

 

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