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Jan-Henrik in Thailand: Kloß im Hals beim Morgenappell

Jan-Henrik Seifert 13. Februar 2018 17:08

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    Bei der Großveranstaltung – als Vorstellungsrunde und „Morgenappell“ getarnt – vergisst Jan-Henrik vor Aufregung fast seinen eigenen Namen…

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    „Das ist euer neuer Englischlehrer: Herr Seifert“. Jan-Henrik (r.) freut sich schon auf seine Schülerinnen und Schüler.

Teil 5 Endlich angekommen am Technical College Buriram. Frau Naree, die Projektleiterin, führt uns kurz zu unserem Zimmer. Meine Freundin Kwan und ich freuen uns riesig, denn wir dürfen uns eines teilen, obwohl wir nicht verheiratet, verwandt oder verschwägert sind.

Wir haben zwar auf ein gemeinsames Zimmer gehofft, es aber nicht als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Die Thailänder sind, gerade auch in den abgelegenen Orten, oft noch sehr konservativ und so hätte es auch durchaus anders kommen können. Getrennte Zimmer oder gar getrennte Häuser sind keine Seltenheit.

Prima, die erste Hürde – gemeistert! Wir drehen den Schlüssel in unserer Tür und sind schon gespannt, was uns dahinter erwartet. „Ein Bett mit Matratze wäre toll,“ denke ich und reibe mir dabei meinen schmerzenden Rücken. Die Tage auf dem Fliesenboden in Bangkok forderten ihren Tribut und ich habe den Eindruck, dass mir die fünfeinhalb-Stunden-Fahrt die restliche Beweglichkeit meines Rückens rauben.

Das Zimmer ist einfach, aber sauber, hell und freundlich. Wir haben ein Fenster mit Gardinen, einen Kleiderschrank und ein gemütliches Bett mit Matratze. Wir haben sogar ein eigenes Bad mit Dusche. Super, hier können wir es gut aushalten. „So, packt erst mal aus und macht euch frisch“, ruft Frau Naree und winkt uns kurz zu, bevor sie sich mit unserem Kommilitonen und Freund Tobi in das untere Stockwerk begibt. Die Tür schließt sich und ich lasse erst einmal den schweren Rucksack auf den Boden fallen, bevor ich mich auf das Bett schmeiße. Es ist bequem und weich.

Ich könnte jetzt auf die Dusche und das Essen verzichten, einfach ’ne Stunde schlafen wäre schön, aber unhöflich. Kwan und ich packen also unsere Rucksäcke aus und verstauen alles im Schrank und im Bad. Die Dusche tut gut und frische Klamotten am Leib sorgen für gute Laune. Die Zeit rast und so schnappen wir uns nur noch unsere Handys, Geld und Schlüssel, bevor wir uns zum Treffpunkt begeben. Im Flur rufen wir nach Tobi und er reagiert tatsächlich sofort. „Muss der Hunger sein,“ lacht Kwan – und Tobi nickt bestätigend.

Kennenlernen bei thailändischer Suppe

Zu uns gesellen sich Selina – ebenfalls eine Kommilitonin und schon etwas erfahrener vor Ort, da sie dieses Austauschprojekt der Uni bereits im vergangenen Jahr unterstützt hatte –, noch einige Lehrer und natürlich Frau Naree. Wir laufen gemeinsam zu einem Restaurant. Ein Tisch ist schnell gefunden und Frau Naree bestellt für uns alle eine traditionelle und ausgesprochen leckere thailändische Suppe. Frau Naree erzählt ein wenig von der Schule, den Schülern, dem Projekt und dass sie sich freut, durch uns unterstützt zu werden.

Sie ist davon überzeugt, dass wir den Englischunterricht bereichern und auf unsere Art beleben werden – und wir freuen uns. Nach zwei Stunden beenden wir den schönen Abend und machen uns auf den Heimweg. Auf dem Gelände der Schule brennt vereinzelt Licht und ich wundere mich. Frau Naree erklärt, dass die Lehrer alle auf dem Schulgelände wohnen, da sonst die Anfahrt zur Schule einfach zu weit und oft zu beschwerlich wäre. Das ist die letzte Info des Abends, wir verabschieden uns und gehen auf unsere Zimmer.

Die Geräuschkulisse lässt nicht schlafen

Das Bett ist eine Wohltat, die Decke gemütlich und ich würde sicher sofort einschlafen, wäre da nicht wieder diese fremde Geräuschkulisse. Ich lausche in die Dunkelheit hinein und unterhalte mich im Flüsterton mit Kwan, denn das Haus ist hellhörig. Dann – ein sehr bekanntes Geräusch an meinem Ohr. Nein, diesmal schnarcht niemand. Es ist dieses Surren, dieses immer wieder erneut anklingende nervtötende Geräusch. Moskitoalarm! Wir haben kein Moskitonetz – und wie ich nach einem kurzen Blick feststelle, auch kein Netz vor dem Fenster. Diese nachtaktiven und äußerst agilen Viecher nutzen die Gunst der Stunde und schwirren ungehindert in unser Zimmer. Ich schließe geräuschvoll das Fenster. Aus ist es mit der Rücksichtnahme – und das heftige Treiben über uns lässt vermuten, dass ähnliche Jagdaktivitäten im Gange sind.

Kwan und ich bewaffnen uns mit Flipflops und leuchten die Ecken mit den Taschenlampen aus. Die Moskitos sind ausgesprochen flink und wir finden sie in den unmöglichsten Ecken. Es klatscht abwechselnd und es dauert doch einige Zeit, bis wir alle Moskitos gefunden haben. Das Bett ist total durcheinander, weil wir von dort die Mission gestartet haben. Wir ziehen die Laken glatt und unsere prüfenden und suchenden Blicke durchforsten den Raum, bevor ich das Licht ausschalte und wir unruhig einschlafen – die Luft ist einfach zu stickig.
Am nächsten Morgen sind wir aufgeregt. Heute also treffen wir auf alle Schüler und alle Lehrer der Schule. Heute ist die Aufgabe klar formuliert und vorgegeben. Sie lautet: persönliche Vorstellung auf Thai sowie Beantwortung der durch Kollegium und Schüler gestellten Fragen. „Na ja“, denke ich, „wird schon schiefgehen“. Schließlich hatten wir ordentlich geübt und die Klasseneinteilung, die wir per Mail bereits erhalten hatten, ließ auf eine überschaubare Anzahl von Schülern schließen.

Wir treten aus unserem Haus und sehen eine nicht enden wollende Schülerschlange in die Richtung marschieren, in die uns unsere Wegbeschreibung lenkt. „Wo wollen die denn alle hin?“, fragt Tobi. „Zum Morgenappell“, antwortet Selina. „Aha“, schlucke ich. Morgenappell – unser Ziel. Wir werden in der Schülermasse mitgezogen und beim Morgenappell an der Bühne förmlich ausgespuckt. Da stehen wir also, Kwan, Tobi, Frau Naree, ein chinesischer Lehrer, unser Prof. und ich. Unzählige Augenpaare richten die Blicke gespannt auf uns. Es wird gekichert und gemurmelt, bis der Direktor die Hand hebt und uns ankündigt. Er gibt das Wort an Frau Naree weiter und diese beeilt sich, es an uns weiterzugeben.

Kwan stellt sich vor. Läuft bei ihr, kein Kunststück, schließlich ist es ihre Muttersprache. Selina, Tobi – einige Patzer, die mit kontinuierlichem Gelächter und plötzlicher Stille begleitet werden –, dann ich. Kloß im Hals. Mir ist warm und dies liegt definitiv nicht nur am Klima oder der langen Hose, die hier die Lehrer tragen müssen. „Wie wollte ich noch einmal anfangen? Ach ja mit meinem Namen“, denke ich. Nur, damit Ihr mal eine grobe Vorstellung von unserem Publikum bekommt: Es sind 3.000 Menschen, also 6.000 Augen, denen absolut nichts entgeht. Am Anfang bin ich noch etwas zögerlich und vielleicht auch ein wenig leise, aber dann komme ich in Fahrt. Die Vorstellung klappt und die gestellten Fragen der Schüler übersetzen wir gemeinsam und antworten. Es macht uns allen Spaß.

Später stellen sich die Klassen ordentlich auf und gehen in die entsprechenden Gebäude. Wir folgen, denn jetzt geht das Unterrichten los. „So, Freunde“, denke ich und muss grinsen, „jetzt in Englisch.“
Jan-Henrik Seifert (20, Recklinghausen) ist ein alter Bekannter unserer Reihe. Als einer der Ersten berichtete er bei Scenario von seinem Aufenthalt in Laos. Inzwischen studiert er Asien/Afrika-Regionalwissenschaften in Berlin und wird nun wieder bei uns über ein Uni-Projekt in Thailand und seine Rückkehr nach Laos berichten.


 

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