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Lena auf Balkan-Tour: In Sneakern durch den Schnee

Lena Gibbels 16. Mai 2017 12:07

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    Von Schnee im Frühling darf man sich die Laune nicht verderben lassen. Lena baut mit Antoine lieber einen Schneemann.

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    So verschneit und eisig hatte sich Lena ihren Ausflug nach Sarajevo nicht vorgestellt.

Rumänien - Teil 16 In der vergangenen Ausgabe von „Around the world“ habe ich Euch von meinem Trip durch Timisoara und Belgrad berichtet. Ich fuhr aber noch weiter – und landete in Sarajevo.

Nach der kurzen Nacht in Belgrad habe ich meine Busreise nach Sarajevo fast komplett verschlafen – was eine Schande ist, denn was ich mitbekommen habe an Szenerie, war wunderschön. Und am in Sonnenlicht getauchten Sarajevo vorbeizufahren ist was ganz anderes…

Tja, da war ich noch guter Dinge, doch so ziemlich in der Sekunde, in der ich aus dem Bus stieg, verwandelten sich diese Sonnenstrahlen in strömenden Regen. Und dieser wurde gegen Abend – und das ist kein Witz – zu dichtem Schnee.

Ich dachte, ich fall’ vom Glauben ab in meiner Sommerjacke und meinen blauen Stoffsneakern. Vor weniger als einer Woche liefen meine Freunde noch im T-Shirt durch die Innenstadt. Carla kam am Abend im Hostel vorbei, um der Kälte zu entkommen, bevor ihr Bus um Mitternacht fährt, und mit zwei Ägyptern sahen wir alle recht verzweifelt zu, wie sich draußen langsam eine dicke weiße Decke auftürmte.

Zwiebellook und Plastiktüten an den Schuhen

Der Schnee sollte meinen ganzen Aufenthalt lang nicht aufhören zu fallen – als ich am nächsten Tag aufwachte, lag er wadenhoch – und die Stadt war weiß gekleidet. Meine Güte! Damit habe ich wirklich nicht gerechnet und noch viel weniger dafür gepackt. Aber hatte ich eine Wahl? Letztendlich zog ich jedes Kleidungsstück, das ich dabeihatte, übereinander an – buchstäblich, ließ meinen Rucksack leer bis auf ein bisschen Unterwäsche zurück –, band mir Plastiktüten um meine Sneaker und eine Amerikanerin namens Esther lieh mir ihren Schal. Ich hätte sie küssen können vor Dankbarkeit… mit all den Schichten war mir draußen zwar nicht mehr kalt, aber angenehm würde ich es auch nicht nennen.

Bei dem Wetter einfach drin zu bleiben, war keine Option, weil Sarajevo die Stadt war, auf die ich mich am meisten gefreut hatte.
Es ging also irgendwie. Und ich ärgerte mich wirklich, denn Sarajevo ist so schön, wie ich es mir erträumt habe. Den Namen „Jerusalem Europas“ hat sie verdient. Die westliche Innenstadt wirkt wie ein großer türkischer Basar, die östliche hingegen wie eine Einkaufsstraße in Wien. Ich muss unbedingt eines Tages zurückkehren, mit überlebbaren Temperaturen hätte ich mich stundenlang treiben lassen können.

So brachte es mich stattdessen auf Empfehlung Fabians ins „War Childhood Museum“. Das passte genau zur Kälte. Wow! Seit meinen Sommerkursen in New York City kann ich Museen etwas abgewinnen, aber das war anders als alles, was ich je erlebt habe. Auf einem Gang werden 50 Objekte von Überlebenden ausgestellt, die zur Zeit des Bosnienkrieges Kinder und Jugendliche waren. Ein Audioguide erzählt dann kurze Geschichten dazu. Ein rotes Kleid, ein Tagebucheintrag, Ballettschuhe, ein Fahrrad… ein blauer Plüschhase hat mir plötzlich die Luft genommen und die Tränen in die Augen getrieben. Die Spuren des Krieges sind immer noch überall in Sarajevo zu finden. In eingerissenen und von Bomben zerstörten Fassaden, in den Rosen vor der Kirche, in so vielen Mahnmälern und Plakaten. Jeder Erwachsene, dem ich über den Weg lief, hat diesen Krieg miterlebt.

Das sind schon krasse Eindrücke, die doch deutlich machen, dass Brücken und offene Grenzen uns alle bereichern und Fremdenhass und Vorurteile abbauen und Solidarität fördern können. Übrigens: Das „War Childhood Museum“ plant eine Ausstellung über syrische Kinder.
Nun, Schluss mit dem Thema. Am nächsten Tag wollte ich einen Tagestrip nach Mostar unternehmen, um dieser Schneehölle zu entkommen, und fragte Esther spontan, ob sie mitkommen wolle. Auf dem Weg erfuhr ich ein bisschen mehr über sie.

Tickets beim Fahrer kaufen - und noch mal abstempeln?

Esther stammt aus Minnesota und ist eine der „Working Nomads“! Ich bin so neidisch! Sie designt freiberuflich Apps, und weil sie dafür kein Büro braucht, reist sie währenddessen herum. Was für ein Traum! Das Gespräch wurde abrupt von der Ticketkontrolle unterbrochen. Wir zeigten unser Ticket vor, aber irgendetwas stimmte damit nicht und die Kontrolleure ohne Englischkenntnisse eskortierten uns weg. Stellte sich heraus, dass man beim Fahrer gekaufte Tickets noch mal in der Tram abstempeln muss.

Man ließ uns nicht abstempeln und weiterfahren. Man ließ uns nicht einfach ein neues Ticket kaufen. Man warf uns nicht nur aus der Tram raus. Nein, die Kontrolleure zerrten uns auf die verschneite Straße, verlangten Ausweise und 27 Konvertible Mark Strafe pro Person und wählten die Nummer der Polizei, als wir weggehen wollten. Für ein unabgestempeltes Ticket!

Den Bus nach Mostar haben wir dann auch verpasst… Alleine wäre der Tag für mich gelaufen gewesen. Aber mit Esther war es nach zehn Minuten lautstarkem Schimpfen sogar irgendwie witzig. Wir liefen also zurück in die Innenstadt, quatschten über Politik, Kultur und Reisen und gingen als Erholung von der fleischlastigen Balkanküche und der Minusgrade zu einem gemütlichen Italiener. Sie lief danach zurück ins Hostel, ich hatte vor, die „Walking Tour“ zu machen. Nach einem Blick nach draußen entschied ich allerdings, dass ich eigentlich keinen Todeswunsch habe, und kaufte mir stattdessen neue Schuhe – schweren Herzens, aber es musste sein. Meine Stoffschuhe waren durchtränkt mit Matsch und Wasser und der etwas altmodische Heizstrahler im Hostel hatte ein fingerlanges Loch in den linken hineingebrannt, dass nun langsam aufriss.
Danach lief ich stolz in roten Sneakern über den Balkan. Und in denen laufe ich im nächsten Teil nach Montenegro weiter…

 

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