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Leonie in Neuseeland: Kein WLAN, kein Problem

Leonie Schulz 22. Oktober 2018 12:59

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    Kuschelzeit am Strand in Clevedon – fernab von Menschenmassen. Die Ruhe der Natur genießt das Au-pair-Mädchen Leonie aus Waltrop mit der dreijährigen Amber und der acht Monate alten Emma-Jane.

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    Diese Rentiere freuen sich über Futter – und sicherlich auch, dass sie bei John ein schönes Zuhause haben.

Teil 3 An diesem Wochenende verbringe ich meine Zeit ohne jeglichen Internetzugang und mit aufgebrauchtem Handyakku auf einer kleinen Farm irgendwo im Nirgendwo in Neuseeland – inmitten von Bergen und Schafen, weit entfernt von der Zivilisation.

Geplant ist eigentlich nur ein kleiner Trip mit meiner Gastfamilie nach Clevedon. Ein alter Bekannter meines Gastvaters lädt uns alle zu einem kleinen Grillabend in seinem Haus ein. Da die Fahrt nach Clevedon von unserem Haus in Auckland, Whenuapai, ein paar Stunden in Anspruch nimmt, entscheiden wir uns dafür, eine Nacht in einer nahegelegenen Unterkunft zu verbringen. Der Grund dafür sind meine Gastkinder, Amber, drei Jahre, und Emma-Jane, erst acht Monate alt, auf die ich als Au-pair von Montag bis Freitag aufpasse.

Bei düsterem Himmel und wechselhaftem Wetter starten wir am Samstagmorgen mit viel Proviant für die Fahrt und guter Laune unseren kleinen Ausflug. Unseren ersten Zwischenstopp legen wir bei Sonnenschein am Strand in Clevedon ein. Der neuseeländische Winter macht sich mit starken Windböen und niedrigen Temperaturen bemerkbar. Die Wellen prallen mit einem lauten Rauschen auf den Strand ein, die Möwen lassen sich vom Wind treiben und ich genieße mit zittrigen Beinen und eiskalter Nase den Ausblick aufs Meer. Dann geht es für uns mit dem Auto weiter in Richtung Grillabend.

Während der Fahrt verfolgen meine Augen die unglaubliche Aussicht, die mit jedem Meter, den wir zurücklegen, schöner wird. Wir sind umzingelt von Weiden, Bergen, Wäldern und dem Meer. Erst jetzt bemerke ich, dass mein Handyakku fast leer ist und dass ich mein Ladekabel bei der Hektik am Morgen wohl zu Hause vergessen haben muss.

Die neuen Eindrücke bewusst wahrnehmen

Und anstatt mir Gedanken zu machen, bin ich eher erleichtert darüber. Hätte ich jetzt mein Handy in der Hand, würde ich all das, was um mich herum geschieht, und all die neuen Eindrücke wahrscheinlich nicht so bewusst wahrnehmen, wie ich es gerade eben tue. Meine Gastfamilie und ich fahren die Berge immer höher hinauf. Es ist steil, die Straßen sind eng und noch immer gießt es in Strömen.

Angekommen bei dem Gastgeber unseres heutigen Grillabends hört es mit der Sekunde, in der wir die Einfahrt befahren, auf zu regnen. Sein Haus befindet sich auf der Spitze eines Berges. Ich frage mich, wie es wohl sein muss, jeden Morgen dort aufzuwachen. Gewöhnt man sich wohl an die Aussicht und empfindet sie als selbstverständlich? Oder genießt man sie jeden Tag aufs Neue? Als ich einen stark pigmentierten Regenbogen erblicke, der in all seiner Farbenpracht direkt neben uns zu sehen ist, komme ich gar nicht mehr aus dem Staunen heraus. Ich verspüre das Gefühl purer Dankbarkeit.

Für uns geht es spätabends in die Unterkunft, die wir für die Nacht gebucht haben. Es ist ein kleines Farmhaus, bewirtet von John, einem alleinstehenden, älteren Mann. Ihm gehören zig Kühe, Schafe, Emus, eine Ziege, Katzen, Hunde und Rentiere, die er mit der Hand aufgezogen hat. Sein Anwesen liegt abgeschieden, inmitten von Wäldern und Gebirgen. Die nächste Stadt ist eine halbe Stunde entfernt und der Weg, der zu seinem Grundstück führt, kaum sichtbar. Wir sind derzeit seine einzigen Gäste.

Am nächsten Morgen werde ich von den Sonnenstrahlen, die mich wie eine warme Decke umhüllen, geweckt. Es ist 6:30 Uhr. Ich ziehe mich an und treffe John draußen, der bereits wach ist und seine Hunde füttert. Er lädt mich in seinem Haus auf eine Tasse Tee ein. John erzählt mir seine Lebensgeschichte und wie er die Farm selbst aufgebaut hat. Wie ihn seine Frau verlassen hat und wie er die Rentiere vor ihrem Tod gerettet hat. Er erzählt mir auch, dass er sein Grundstück verkauft und wegziehen wird. „Es ist Zeit für was Neues“, sagt er zu mir, als sei es selbstverständlich, dass ein 65-jähriger Mann noch mal ganz von vorne anfängt. Seine Worte bringen mich zum Nachdenken. Es ist nie zu spät, einen Neuanfang zu wagen, sich neu zu erfinden und alte Dinge loszulassen. Man muss nur den Mut dazu haben und den Schritt ins Abenteuer wagen.
Irgendwann gehe ich mit einer Tasse Tee zurück in mein Zimmer und lasse Johns Worte auf mich wirken.

Als meine Gastfamilie wach ist, kann Amber es gar nicht erwarten, die ganzen Tiere zu sehen. Wir fahren alle gemeinsam mit Johns Quad über seine Farm, um die Tiere zu füttern. Das Highlight unserer kleinen Tour sind die Rentiere. John hat die Rentiere gerettet und sie anschließend mit der Flasche großgezogen. Zunächst sind wir im Gehege der weiblichen Tiere. Sie kommen unserem Quad direkt hinterhergelaufen, sind neugierig und erkunden die ungewohnte Situation.

Wir streicheln und füttern sie und ich bin diesen Tieren so nahe wie noch nie zuvor. Eines der Rentiere stellt sich direkt vor mich. Nur noch der Zaun trennt uns, ich kann seinen Atem hören und ihm direkt in die Augen schauen. Ich realisiere, wie viel mehr die Welt doch zu bieten hat, wenn man genau hinschaut.

Für die Erfahrungen dankbar sein

Als wir uns zurück auf den Weg nach Hause machen, bin ich wahnsinnig dankbar für die Erfahrungen, die ich machen konnte, und für all die Dinge, die ich sehen durfte. Ich bin mir selbst dankbar, dass ich mein Ladekabel zu Hause liegen gelassen habe und ich bin John dankbar dafür, dass er kein WLAN-Netzwerk hat. Manchmal tut es – so habe ich jetzt festgestellt – gut, sich eine Auszeit von Handy und Internet zu nehmen. Viele Momente entgehen uns, nur weil sich unser Kopf im dauergesenkten Zustand Richtung Mobiltelefon befindet. Das Leben zieht an uns vorbei, ohne dass wir es merken und ohne dass es uns überhaupt bewusst ist. Die Welt hat so viel mehr zu bieten als WhatsApp, Instagram, Facebook und Co. Die handy- und netz-freien Momente hier werde ich nicht vergessen.
Leonie Schulz (18, Waltrop) fliegt für neun Monate nach Neuseeland. In Whenuapai, einem kleinen Vorort von Auckland, der größten Stadt des Landes, wird sie sich als Au-pair um zwei kleine Mädchen kümmern. Außerdem möchte sie die Zeit dort nutzen, um das Land in seiner Vielfalt zu erkunden. Hier berichtet Leonie von ihren Erfahrungen.

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