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Paula hat Depressionen: „Ich gehe durch eine emotionale Hölle“

Paula Schmidt (22) (Name v. d. Red. geändert) 11. Juni 2018 10:12

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    Nur traurig zu sein – wie dieses Model – oder unter Depressionen – wie Autorin Paula – zu leiden, ist ein Unterschied.

Hi, ich bin Paula*. Und ich habe Depressionen. Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, das ist etwas anderes als „mies drauf sein“ und nein, das kuriert man nicht mit einem „Jetzt reiß dich doch mal zusammen“ und einer Tafel Schokolade.

Was wahrscheinlich auch gut so ist, denn wenn ich gemessen an meiner Depression entsprechend Schokolade essen würde, wäre der Bademantel bald das einzige Kleidungsstück, was mir noch passen würde. Depressionen sind eine echte Krankheit, die knapp zusammengefasst dafür sorgt, dass die Emotionsverarbeitung in meinem Gehirn ihren Job gerade verdammt schlecht macht. Aber stopp, ich habe zwar Depressionen, aber das macht mich nicht zu einem Freak. Zumindest nicht durchgehend.

Ich studiere (zwar mehr schlecht als recht, aber ich studiere), gehe zum Sport und ich dusche mich sogar regelmäßig, wer hätte das gedacht? Trotzdem, nach den ersten zwei akuten Depressionsschüben, wurde mir klar: Du steckst in argen Schwierigkeiten, Mädchen.

Meine Depressionen sind nicht immer gleich stark, ich habe sehr akute Phasen, in denen mein Gehirn eine Art Apokalypse zu starten scheint. In diesen Phasen ist weder das Verweilen in diesem „Loch“ das Richtige noch Ablenkung noch Gesellschaft noch Alleinsein. Unterm Strich: Ich gehe durch eine emotionale Hölle und in einem solchen Moment ist das Einzige, was ich noch richtig machen kann, den Moment nicht zu verpassen, wo ich mich freiwillig in eine psychiatrische Klinik begeben sollte.

Auch in den weniger akuten Phasen, also wenn ich nicht gerade so stark heulend auf meinem Bett liege, dass ich meine Zimmerpflanzen mit Tränenflüssigkeit wässern könnte oder mir Gedanken darüber mache, ob das freiwillige Ableben nicht doch eine erwägenswerte Alternative wäre, macht sich die Krankheit immer wieder auf äußerst penetrante Weise bemerkbar.

Menschengruppen finde ich extrem anstrengend

Ich bin oft so müde, dass man meinen könnte, ich hätte das komplette Wochenende durchgefeiert, gleichzeitig fällt mir das Einschlafen schwer. Ich bin häufig extrem niedergeschlagen, Menschengruppen empfinde ich als noch anstrengender als vor meiner Depression, ebenso jede Aktivität, die übers Zähneputzen hinausgeht.

Ich weiß nicht mehr so richtig was mit mir anzufangen und verbringe sehr viel meiner freien Zeit mit Schlafen oder ziellosem Herumdümpeln in meinem Zimmer. Einzig die wenigen festen Termine oder gezielte Aufforderung zu einer Unternehmung durch Familie und die beste Freundin verhindern, dass ich allmählich Spinnenweben ansetze. Da Depressionen sich in der Regel nicht von selber heilen, muss ich also meinen Hintern hochkriegen. Ich suche mir gerade einen Psychotherapeuten, was aber verdammt noch mal nicht einfach ist, wenn ich voraussetze, dass die Therapie noch vor meinen Wechseljahren beginnen soll.

Für die Zeitüberbrückung und begleitend für die Therapie verschrieb mir eine Ärztin in der Klinik Antidepressiva, ein Medikament mit hoch kompliziertem Namen und einer außerordentlich gigantischen Nebenwirkungsauflistung. Besonders beeindruckend: Das Medikament gegen Depressionen kann, man lasse es sich auf der Zunge zergehen, in der ersten Zeit Depressionen verstärken. Von Übelkeit, Schwindel und anderen Vergnüglichkeiten will ich gar nicht erst anfangen. Falls mir das vorher noch nicht ausreichend klar war, weiß ich nun offiziell, dass ich geliefert bin, recht vielen Dank!

Da ich mich nun damit abfinden muss, dass mein ursprünglicher Plan „Ich-werd-in-nullkommanix-wieder-gesund“ offiziell gescheitert ist, braucht es eigentlich einen neuen Plan. Aber eine Depression scheißt leider auf Pläne, sie hat mich fest im Griff, solange bis ich in der Therapie lerne, die Depressionen in den Griff zu bekommen. Ich bin mir sicher, dass ich mithilfe von Medikamenten, Therapie und Unterstützung durch Menschen, die mir nahe stehen, wieder ganz gesund werde.

Ich rate jeder betroffenen Person: Depressionen sind eine ernst zu nehmende Erkrankung, die unbehandelt lebensgefährlich werden kann, also holt Euch Hilfe! Erzählt Vertrauenspersonen davon, kontaktiert einen Arzt. Viele psychiatrische Kliniken haben Notfallambulanzen, an die man sich in akuten Fällen wenden kann. Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten.
Paula hat es schon gesagt, wir sagen es auch noch mal. Holt Euch Hilfe, zum Beispiel hier:
Psychologische Beratungsstelle der Erziehungsberatung Vest
Paulusstr. 47
45657 Recklinghausen
Tel. 02361 / 92 61 83 10

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