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Zehn Tage ohne Handy: Exkurs in die Unerreichbarkeit

Annegret Debitz 15. Oktober 2018 16:36

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    Bei Annegret verschwindet das Handy in der Schublade – ein befreiendes Gefühl.

Ich bin dieses Jahr mit meiner Familie in den Urlaub gefahren. Und zwar nach Volksberg. Wem das jetzt nichts sagt: Das französische Dorf liegt in einem kleinen Tal in dem Mittelgebirge Vogesen. Schon vor dem Urlaub hatte ich mir vorgenommen, ein wenig meinen Handykonsum einzuschränken. Angekommen in unserer Ferienwohnung, war das Erste, was ich festgestellt habe, dass es keinen, wirklich nicht ein Fünkchen Empfang gab. „Was soll’s?“, habe ich mir gedacht. „Dann halt die Radikalkur“ – und das Handy ist in irgendeiner Schublade gelandet.

Meine zehn Tage ohne Handy hab‘ ich so erlebt:

Tag 1:
Jedes Mal, wenn ich in einer Situation an einen meiner Freunde denke und sich der automatische Griff zum Handy ereignet hätte, um Snapchat zu öffnen, kommt da dieser „Ach ja“-Moment, in dem mir klar wird, dass mein Handy ja gar nicht in meiner Hosentasche steckt. Es überrascht mich, wie schnell mein Kopf die Verbindung von schönen Momenten zu dem „Ich muss das mit dem Rest der Welt teilen“-Gedanken zieht.

Tag 2:
Ein seltsames Freiheitsgefühl stellt sich bereits jetzt schon ein.
Als wäre dadurch, dass mein Kopf nicht mehr über Handy und Social Media nachdenken muss, Platz geworden für ganz andere Gedanken. Auch meine Umwelt nehme ich ganz anders wahr, irgendwie detaillierter.

Tag 3:
Mir ist unglaublich langweilig. Also fange ich an, mir Beschäftigungen zu suchen. Innerhalb der folgenden Urlaubstage lese ich fünf Bücher. Meine Schwester kann jetzt sämtliche mir bekannten Kartenspiele. Wir graben ihren alten MP3-Player aus und singen alle Lieder laut mit.
Meine Familie besteht aus netten Menschen…

Tag 4:
Es stellt sich Normalität ein. Den Spruch „Das Internet ist ausgefallen, habe mich mit meiner Familie unterhalten. Scheinen nette Menschen zu sein“ habe ich nie wirklich ernst genommen, aber langsam finde ich die kleine Wahrheit darin.

Tag 5:
Ich erfahre von unseren Vermietern, dass es WLAN gibt. Diesen Satz lasse ich jetzt einfach mal so stehen…

Tag 6 und 7:
An dieser Stelle einen Verweis auf Tag 2. Mehr Platz und Zeit zum Nachdenken bedeutet auch, dass man über unnützes Zeug nachdenkt. Wem sagt der Begriff Gedankenspirale etwas? „Was wäre, wenn... “, „hätte ich doch bloß... “, „ich muss unbedingt noch... “ und „das das nächste Mal... “ Nicht sehr praktisch, wenn man von einigen Dingen und Personen Abstand halten wollte, die einem nun nicht mehr aus dem Kopf gehen.
Normalerweise würde ich in so einem Fall zum Handy greifen, meine beste Freundin angerufen und wir hätten zwei Stunden telefoniert. Tja, geht nicht…

Tag 8 und 9:
Ich habe keinen Lesestoff mehr. Und freue mich auf jede Besichtigung und Unternehmung, die wir machen. Hauptsache raus und nicht in der Wohnung rumsitzen.

Tag 10:
Abends sitze ich zu Hause in meinem Bett und starre mein Handy an. Ich müsste nur das WLAN aktivieren und schon wäre ich wieder mittendrin. Aber irgendwie habe ich gar keine Lust darauf. Wenn ich an die ganzen Gruppennachrichten und unnötigen Posts denke, die ich dann wieder vor der Nase hab‘, vergeht mir die Lust.
Fazit: Die zehn Tage waren mega-entspannend und das ganze Nachdenken ist wirklich nicht die schlechteste Nebenwirkung. Mal rauskommen, sich über ein paar Dinge klar werden, wieder zu lernen, wie man sich ohne sein Handy beschäftigen kann. Einfach mal einen Schritt zurückmachen und sich entspannt abkapseln von der medialen Welt. Ich kann es jedem empfehlen. Und kommt mir nicht mit dem Argument: „Dann verlier‘ ich aber meine Flammen auf Snapchat und meinen Fame auf Instagram“. Es gibt Wichtigeres im Leben.

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