Recklinghaeuser Zeitung Medienhaus Bauer

Interview mit Donots: "Wir stellen die Weichen"

Olaf Neumann 03. Januar 2018 15:15

  • Teaserbild

    Die Donots aus Münster liefern aktuell wieder eine erstklassige Punk-Platte ab.

Seit einem Vierteljahrhundert spielen die Donots knackigen Pop-Punk und krachige Rockhymnen mit Texten, die sich kritisch mit diesem Land auseinander setzen. Ihr Frontmann Ingo Knollmann war noch nicht mal volljährig, als sie ihr erstes Album herausbrachten. Jahrelang sind die Münsteraner mit ihren englischsprachigen Punkrocksongs durch Clubs getingelt. Dann erschien 2015 das deutschsprachige Album „Karacho“ und plötzlich standen die Donots mit einem Fuß im Mainstream. Mit dem Nachfolger "Lauter als Bomben" wollen sie endgültig den Beweis antreten, dass sich künstlerische Qualität und Massentauglichkeit nicht ausschließen. Wir sprachen mit Frontmann Ingo Knollmann.

Scenario: Ingo, 2015 erschien Euer  erstes deutschsprachiges Album "Karacho" und entwickelte sich zu einem Top-5-Erfolg. Was hat sich für Dich seitdem geändert?
Ingo Knollmann: Die erste große Berührung mit dem Mainstream hatten wir bereits 2001, als die Platte "Pocketrock" rauskam. Damals wurde Rockmusik noch im Radio gespielt. Und 2015 hat uns die deutsche Sprache wieder den Mainstream geöffnet.
 
Scenario: Singst Du auf Deutsch aus Liebe zur Heimat?
Ingo: Ich singe auf Deutsch, weil's mir Spaß macht! Ich kenne sowas wie Heimatliebe nicht. Wenn Leute ihren Lokalpatriotismus zu hoch hängen, kriege ich Pickel. Ich bin gerne Westfale, aber nicht, weil ich das Land so toll finde. Landesflaggen in Schrebergärten sind fürchterlich! Ich mag die westfälische Tugend: Am Brett sind wir alle gleich. Ich bin Prolo-Westfale, was das Trinken angeht. Ich definiere Heimat eher über meine Freunde und meine Familie.
 
Scenario: Wie kam es zu dem plötzlichen Wandel?
Ingo: Vor drei, vier Jahren spielten wir einen Monat lang an der amerikanischen Westküste, im Mittleren Westen und an der Ostküste Shows mit Flogging Molly, Anti Flag, Dead To Me und CJ Ramone. Eine unfassbare Erfahrung! Wir traten einerseits in ganz großen Clubs auf, andererseits in irgendwelchen Rattenlöchern vor sieben Leuten. Bei Flogging Molly sang das Publikum sämtliche Texte wie aus einer Kehle mit. Als wir mit unserem Nightliner in der Wüste kurz vor Vegas zum Pinkeln anhielten, fiel es uns wie Schuppen von den Augen: Es muss daran liegen, dass die Leute die Texte viel direkter in sich aufnehmen, wenn diese in ihrer Muttersprache abgefasst sind! Und siehe da - es hat geklappt. Die Shows, die wir seitdem spielen, sind die lautesten und größten in unserer Karriere.
 
Scenario: Der Albumtitel "Lauter als Bomben" suggeriert, dass Kunst etwas bewirken kann. Kann sie Menschen wirklich bekehren?
Ingo: Ein Kumpel von mir ist Lehrer im Knast. Er glaubt, dass man Leute nicht mehr umstimmen kann, die bereits in ihrer Meinung gefestigt sind. Ältere Leute werden eher vorbohrt oder verstockt, das sehe ich an mir selbst. Mit mir braucht man nicht über das Thema Kirche zu diskutieren. Aber du kannst die Umstehenden auf deine Seite ziehen mit einer schlüssigen Argumentationskette und den einen bestenfalls alleine dastehen lassen. Als ich jung war, haben mir Punkbands wie Bad Religion und Propagandhi beigebracht, Dinge infrage zu stellen. Und dabei bin ich geblieben.
 
Scenario: 2015 zeigtest Du bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest zur besten Sendezeit rechten Hetzern den Stinkefinger. Welche Nachwirkungen hatte diese Aktion?
 Ingo: Die Sozialen Netzwerke machen den Shitstorm salonfähig. Klar sind wir da angefeindet worden. Mittlerweile stehen wir auf einer roten Liste von ein paar Faschovereinigungen in Deutschland. Damit will man uns einschüchtern. Ich bin fast einmal vor den Kadi gezerrt worden, weil wir bei YouTube einen Aufruf gegen eine Nazikundgebung in Münster gemacht haben. Ich sagte damals: "Kommt alle vorbei. Wir lassen die nicht raus aus dem Zug. Die können direkt wieder nach Hause fahren!" Zwei Wochen später hatte ich eine Anklage im Briefkasten wegen Aufruf zu Gewalt und Beleidigung. Absender war ein Rechtsanwalts-Nazi, dem die Konzession vor zwei Jahren entzogen wurde. Um ein Haar wäre ich vor Gericht gekommen, aber der Staatsanwalt hat die Klage abgewiesen. Die Anwaltskosten wurden übernommen von der Initiative Kein Bock auf Nazis.
 
Scenario: Wie ernst nimmst Du Drohungen gegen Dich?
Ingo: Vor ein oder zwei Jahren war ich auf einer Antinazidemo. Da kam ein bulliger Typ auf meinen Kumpel zu: "Hallo Eike. Ich weiß, wo du wohnst in Münster". Die haben schon Methoden, vor denen man sich in Acht nehmen muss, vor allem, wenn du eine Familie hast. Aber was wäre, wenn keiner die Schnauze aufmachte? Dafür sind doch Bands da. Wenn ich Drohungen ernst nähme und deshalb nie wieder auf Festivals führe, hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht. Das kann es nicht sein! Dann musst du erst recht stehen bleiben.
 
Scenario: Sollte Kunst sich sehr direkt und praktisch in die Politik einmischen?
Ingo: Man kann es sich wünschen, aber nicht einfordern. Musik ist in erster Linie ein Weg raus aus dem Alltag und dann erst ein Weg rein tiefer in die Materie. Wenn du es denn möchtest. Ich würde mich freuen, wenn Helene Fischer sich klar positionieren würde. Aber das wäre unpopulär, weil für sie dann wahrscheinlich ein Stadionflügel wegbrechen würde.
 
Scenario: Warum hat die AfD Erfolg bei den Wählern?
Ingo: Ich habe von vielen Kids gehört, die an die Urne gegangen sind, um einfach mal den Protest zu wählen. Das muss man sich mal reinziehen: Die haben ein Kreuz gemacht, nur um dagegen zu sein! Ohne zu wissen, was das beinhaltet. So ähnlich wie bei der Brexit-Entscheidung. Die AfD profitiert von Großbuchstaben und Schlagzeilen. Die Überschrift ist bei denen wichtiger als der Inhalt. Dass einige Leute sich abgehängt fühlen, kann ich sogar nachvollziehen. Aber Sprüche wie "Die sind gekommen, um uns etwas wegzunehmen" darf es nicht geben.
 
Scenario: Findest Du es richtig, wenn die etablierten Parteien ein Stück nachts rechts rücken, um AfD-Wähler zurückzugewinnen?
Ingo: Ich sehe in keinem reaktionären Gestus irgendwas Gutes. Ich glaube nicht, dass ein Mini-Rechtsruck ein Zurückholen der Wähler bedeutet. Der richtige Weg wäre ein klares Signal für Frieden und Gleichheit. Man müsste eher versuchen, den Leuten ihre Angst zu nehmen und ihnen klar machen, dass sie es hier eigentlich verdammt gut haben. Man sollte sich Gedanken darüber machen, wie man eine Jugendarbeit hinkriegt, die populistische Strömungen aushebelt und da ansetzt, wo Leute sich noch nicht so richtig entschieden haben. Warum wird Kindern aberzogen, gut miteinander auszukommen?

Punk hat auch eine Asitüde

Scenario: Siehst Du Dich als Entertainer und Sozialarbeiter?
Ingo: Ich bin Entertainer in allererster Linie. Ich habe nur mir selbst auf die Fahnen geschrieben, dass Punk mehr kann, mehr darf und mehr muss. Punk hat eine Attitüde, aber auch eine Asitüde. Aber nicht immer nur destruktiv. Besonders wenn man Bands nimmt wie But Alive, Slime oder Propagandhi. Das ist nicht einfach nur Mollis und Steine gegen Bullenschweine. Punk ist für mich ein Gleichmacher. Er hat u.a. die Fähigkeit, Religionen auszuhebeln. Ich verstehe bis heute nicht, wie Christ sein und Punk sein zusammengeht. Es gibt Labels wie Tooth & Nail, die nur Christenbands hofieren. Das ist nichts für mich.
 
Scenario: Machen Hardcore-Kreationisten auch in der Punkszene Boden gut?
Ingo: Der Sänger der Punkband The Gaslight Anthem ist zum Beispiel Kreationist. In einem Interview hat er behauptet, wir würden alle von Gott abstammen. Und der Typ ist nicht auf den Kopf gefallen, Brian Fallon ist in der Tat ein netter Kerl und super Songschreiber. Er ist doch sonst ein aufgeklärter Mensch, aber warum glaubt er nicht an die Evolutionslehre?
 
Scenario: Nach zwei Jahren beim Konzern Universal veröffentlicht Ihr Eure Platten jetzt wieder auf dem eigenen Label Solitary Man. Was sprach für die Rückkehr zur Unabhängigkeit?
Ingo: Die Zeit bei der Universal war exzeptionell gut. Aber bei einem Major bist und bleibst du die kleine Punkrockband aus Deutschland, wenn die großen Labelkollegen gerade eine neue Platte am Start haben. Wir mussten trotzdem vieles selbst machen. Das machte für uns irgendwann keinen Sinn mehr. Wir möchten, dass unsere Musik überall verfügbar ist. Als wir damals bei Joko & Klaas in der Sendung waren, konnte Eike wegen einer Verletzung nicht dabei sein. Wir sind dann mit drei Schlagzeugern aufgetreten: Vom von den Toten Hosen, Bela B. von den Ärzten und Flo von den Sportfreunden Stiller. Das wurde vom Publikum unheimlich gefeiert, aber Universal erlaubte dem Sender nicht, den Mitschnitt online zu stellen. Sie wollten dafür Geld haben. Wegen solcher Dinge sind wir bei einem kleinen Label besser aufgehoben. Allerdings sind wir nicht mehr so grün hinter den Ohren wie 2008.
 
Scenario: Wie lief es damals für die Band?
Ingo: Wenn wir 2008 von der Bühne kamen, haben wir uns ein Handtuch ins Gesicht geklatscht, einen Gin Tonic eingegossen und in verschwitzten Klamotten ans Laptop gesetzt, um Labelarbeit zu machen. Aber das geht auf Dauer nicht. Jetzt haben wir ein Büro und ein Studio in Münster, wo Leute für uns das Tagesgeschäft erledigen. Und wir als Label stellen die Weichen.
 

Teilen