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Interview mit George Ezra: Wir wissen nicht mehr, wie man glücklich ist

Steffen Rüth 15. Mai 2019 13:18

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    Mit Gute-Laune-Songs gegen die Melancholie der Welt – George Ezra.

Er hätte es selbst nicht gedacht, aber der englische Singer/Songwriter, der Anfang Juni 26 wird, feiert auch mit seinem vor etwas mehr als einem Jahr erschienenen Album „Staying At Tamara’s“ Riesenerfolge. In Großbritannien hat sich 2018 keine Platte häufiger verkauft, bei uns bekam George Ezra kürzlich die „Goldene Kamera“ und spielt aktuell vor vollen Häusern. Und bevor demnächst auch sein jüngerer Bruder Ethan unter dem Namen Ten Tonnes an den Start geht, sprachen wir mit George über seine Lieder, sein derzeitiges Befinden und Schwarzangelabenteuer im Steinbruch.

Scenario: George, Du bist Engländer, Dein erster Hit hieß „Budapest“, Dein aktuelles Album „Staying At Tamara’s“ hast Du zum Teil während eines längeren Aufenthalts in Barcelona geschrieben, Du tourst derzeit durch ganz Europa, gestern warst Du in Köln. Was empfindest Du angesichts des irgendwann bevorstehenden Brexits?
George Ezra:
Scham. Die Europäische Union ist eine fantastische Sache, ich bin als Jugendlicher überall mit dem Zug herumgefahren und habe diese Vielfalt wirklich in mich aufgesaugt. Man kann sagen: Ich bin in der EU aufgewachsen. Sich jetzt damit abfinden zu müssen, bald kein Teil dieser Gemeinschaft mehr zu sein, ist verwirrend für mich. Und es ist verwirrend für sehr viele von uns jungen Leuten. Wirklich niemand von den Menschen, die ich kenne, will den Brexit. Es ist einfach nur traurig.

Scenario: Soll Deine Musik auch ein Gegenmittel zur grassierenden schlechten Laune da draußen sein?
George:
Ja! In der Welt geschehen viele seltsame Dinge, vielleicht war das immer schon so, vielleicht ist es aber auch mehr als sonst. Wenn ich jetzt auch noch traurige und melancholische Songs schreiben würde, hätte ich selbst keinerlei Pause vom trüben und missmutigen Weltgeschehen. Und mein Publikum auch nicht. Ich möchte nicht jeden Abend im Konzert an die böse Welt erinnern und erinnert werden.

Scenario: Warum ist die Welt so, wie sie ist?
George:
Das frage ich mich selbst. Wir leben im Luxus und wir haben jedes Werkzeug und alle Möglichkeiten, um glücklich zu sein. Aber wir haben verlernt, die Werkzeuge zu benutzen. Wir haben vergessen, wie leicht es ist, zufrieden zu sein. Wir könnten uns das Leben so viel leichter machen. Social Media verstärkt diese Unzufriedenheit noch, dieses Gefühl, dass uns das Leben davonrennt und die cooleren Sachen immer bei den anderen Leuten passieren.

Scenario: Deine Eltern sind beide Lehrer. Du bist behütet aufgewachsen. Warst Du ein liebes und braves Kind?
George:
Ich habe meinen Eltern wenig Kummer gemacht. Ich bin mit zwei Geschwistern auf dem Land aufgewachsen, in Hertfordshire, und Mum und Dad sind immer sehr nett und tolerant zu uns Kindern gewesen. Wir waren sehr frei. In den Sommerferien bin ich oft tagelang nicht nach Hause gekommen, wir zelteten bei irgendwelchen Freunden im Garten oder im stillgelegten Steinbruch.

Scenario: War das denn überhaupt erlaubt?
George:
Ja, das war es sogar. In England gibt es das Gesetz, dass Steinbrüche, in denen keine Steine mehr abgebaut werden, öffentliches Land sind. Man kann sich dort aufhalten, kleine Seen anlegen, grillen, was auch immer. Wir haben gern die Fische aus den Fischzuchten geklaut und sie im normalen Steinbruch-See wieder ausgesetzt. Dort durfte man nämlich umsonst angeln. Irgendwie war das Klauen, aber wir fanden das superclever. Unsere Angeln haben wir uns aus Bambus selbst gemacht und uns dabei gerne einen angesoffen (lacht).

Scenario: Kann man eigentlich sagen, dass auch Deine Musik in erster Linie dem Eskapismus, der Realitätsflucht, dient?
George:
Absolut. Man muss als Künstler egoistisch sein. Und Ich wollte ein positives, sommerliches Album machen. Die neuen Lieder sind tatsächlich sehr heiter. Sie stecken voller Liebe, voller Verliebtsein.

Scenario: Du bist seit einigen Jahren mit Deiner Freundin, der Musikerin Florence Arnold, genannt Florrie, zusammen. Hat die Beziehung Dich verändert?
George:
Gerade am Anfang hat mich unsere Liebe richtig übermannt. Es passierte auch eher unerwartet, obwohl ich meine Freundin zum perfekten Zeitpunkt traf: Ich wusste, ich würde eine Weile nicht auf Tour sein, so hatten wir die Chance, uns wirklich kennenzulernen. Mittlerweile wohnen wir seit anderthalb Jahren zusammen in London, das ist für mich das erste Mal, dass ich mein Leben wirklich mit einem anderen Menschen teile, abgesehen von meiner Familie natürlich.

Scenario: Geht es auch in „Hold My Girl“ um Dich und Deine Freundin?
George:
Yeah, logisch. Der Text ist ehrlich nicht besonders komplex. Der Song handelt bloß davon, sich im Arm zu halten, die Augen zu schließen, und die Welt für eine Minute oder so auszublenden.

Scenario: In Großbritannien war „Staying At Tamara’s“ das meistverkaufte Album 2018, bei uns hast Du vor Kurzem eine „Goldene Kamera“ bekommen, die Karriere läuft phänomenal. Hast Du das erwartet?
George:
Nein, ganz und gar nicht. Ich hatte mich eher darauf eingestellt, den Erfolg mit meiner Single „Budapest“ und dem ersten Album „Wanted On Voyage“ nicht wiederholen zu können. Denn seien wir realistisch: Nichts ist attraktiver als ein neuer Künstler. Dieses „Hör‘ dir den Jungen mal an, der hat eine Stimme wie Bob Dylan“ und solche Sachen sind ja dieses Mal weggefallen. Man wusste schließlich schon, wer ich bin. Also war ich echt verblüfft, als die Singles „Paradise“ und „Shotgun“ so krass abgingen.

Scenario: Hand aufs Herz: Bist Du jetzt an den Erfolg gewöhnt?
George:
Nein, ich versuche, das nicht so an mich heranzulassen. Als Musiker und Songwriter stehe ich noch relativ am Anfang. Man weiß nie, was passiert. Ich kann nur mein Bestes geben, aber ob die Leute das mögen, was ich mache, das kann ich nicht kontrollieren.

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