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Insolvenz droht: Kann Leroy Sané der SG Wattenscheid 09 helfen?

Stephan Rathgeber 07. Januar 2019 16:22

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    Von Wattenscheid nach Manchester: Leroy Sané spielt inzwischen in England.

BO-WATTENSCHEID Die SG Wattenscheid 09 benötigt Geld – dringend. In den kommenden sieben Tagen müssen über eine Crowdfunding-Aktion noch rund 240.000 Euro zusammenkommen, um den Regionalligisten vor der Insolvenz zu bewahren. Wie ist das noch zu schaffen? Und was sind die Kostentreiber in der Regionalliga? Wir haben mit Pressesprecher Daniel Knorr gesprochen.

Eigentlich, so beginnt Daniel Knorr, war die SG Wattenscheid 09 schon immer ein Verein in einer „Blasenposition“. Räumlich eingeengt durch den FC Schalke 04, Borussia Dortmund, VfL Bochum, MSV Duisburg und sogar Rot-Weiß Essen bleiben nicht mehr viele Fans für den Verein aus dem Bochumer Westen. Der Pressesprecher untermauert: „Das war schon immer so.“ Damals, in der Bundesliga-Abstiegssaison 1994, hätte man sich auch gegen Stuttgart oder den Hamburger SV mit nur 4.000 Stadionbesuchern zufrieden geben müssen – während in 15 Kilometern Entfernung mehr als 60.000 Menschen zu jedem Schalke-Heimspiel ins Parkstadion strömten.

Bundesliga – das ist lange her. Inzwischen spielen die Wattenscheider in der viertklassigen Regionalliga. Heutiger Zuschauerschnitt: 700 bis 800 Personen pro Heimspiel. In der letzten Partie gegen Tabellenführer Viktoria Köln kamen nur 350 ins altehrwürdige Lohrheidestadion. „Bei Minus 2 Grad überlege ich es mir halt sechsmal, ob ich ins Stadion gehe“, äußert Knorr sein Verständnis.

„Keiner spielt für einen Kasten Bier und eine Bratwurst“

Dabei ist die Regionalliga West durchaus attraktiv: Traditionsvereine wie Alemannia Aachen, Rot-Weiß Essen, Wuppertaler SV, Viktoria Köln – oder eben Wattenscheid – treffen hier Spieltag für Spieltag aufeinander. Auch im Fernsehen werden ab und an Spiele aus dem Westen übertragen.

Das Problem: Die Regionalliga ist teuer. „Kein Spieler geht mehr für einen Kasten Bier und eine Bratwurst auf den Platz“, erklärt Knorr den höchsten Etatposten eines Fußballvereins. Tatsächlich beziehen Fußballspieler auch in der vierthöchsten Spielklasse Gehälter. „Wenn man wettbewerbsfähig bleiben möchte, muss man sechsmal pro Woche trainieren. Dazu kommt noch ein Spiel – das sind Profibedingungen. Es kann ja nicht sein, dass einem Spieler hierfür schon 400 Euro an monatlichen Spritkosten entstehen.“

Insgesamt, so der SGW-Pressesprecher, müsse ein durchschnittlicher Regionalligist mit einem Etat von rund 1 Million Euro im Jahr planen – wovon die Spielergehälter neben Verwaltungskosten, Stadionmieten und Co. nur einen Teil ausmachen.

Spielergehälter stehen seit Oktober aus

Doch von dem Geld ist jetzt nur noch wenig da. Seit Oktober warten die Spieler auf ihre Gehälter.  Am 19. Dezember setzte der Verein via Facebook einen Hilferuf ab: „Die SG WATTENSCHEID 09 steckt in großer Not. Mindestens 350.000 € sind kurzfristig erforderlich“, heißt es in der Vereinsmitteilung, die direkt auf eine Crowdfunding-Aktion verweist.

Die Not ist groß, wenn auch nicht neu. Immer wieder durchlebte der Verein in den vergangenen Jahren finanzielle Engpässe. Doch die Lage scheint nie ernster gewesen zu sein: Von den benötigten 350.000 Euro sind seitdem 110.000 Euro zusammengekommen. 240.000 weitere Euro werden innerhalb der kommenden 7 Tage benötigt. Kommt die Zielsumme nicht zustande, gibt es (wie bei Crowdfunding-Aktionen üblich) keinen einzigen Cent – es würde die Insolvenz für den seit 1909 existierenden Verein bedeuten.

„Positiv ist, dass wir die bisherige Summe durch kleine Einzelspenden von 1.600 Personen sowie kleinere Vereine realisiert haben. Das zeigt, welche Sympathiewerte der Verein doch hat – bei potenziellen Sponsoren ist das natürlich ein wichtiges Argument“, sagt Daniel Knorr. Generell, erläutert der SGW-Vertreter, würde bei Crowdfunding-Aktionen die größte Summe erfahrungsgemäß am Ende zusammenkommen. Also besteht noch Hoffnung: „Viele Geldgeber warten bis zum Ende und schauen dann, wie viel bereits gespendet wurde – so können sie die benötigte Summe genauer berechnen.“

Leroy Sané verdient 9 Millionen Euro im Jahr

Wenn die Crowdfunding-Aktion scheitern sollte, wäre nicht nur die Regionalliga-Mannschaft betroffen. Auch die Jugendabteilung mit insgesamt mehr als 200 Spielern steht dann vor dem unmittelbaren Aus. Es ist die Jugendabteilung, die Spielern wie Halil und Hamit Altintop, Kerem Demirbay oder Yildiray Bastürk den Weg in die Profikarriere geebnet hat. Jüngstes Beispiel: Machester-City-Profi Leroy Sané, der bis 2006 in der Wattenscheider Jugend kickte, ehe er zum FC Schalke 04 abwanderte und später zum Profi wurde.

Der 22-Jährige soll laut den „Football Leaks“-Enthüllungen des Magazins SPIEGEL über 9 Millionen Euro pro Jahr verdienen. Da stellt sich die Frage, ob er seinem Ausbildungsverein mit einer kleinen Spende helfen könnte. Unterstützung von ehemaligen Spielern ist in Wattenscheid natürlich willkommen, aber: „Es ist schwierig, sich hinzustellen und zu sagen: ‚Mit einem Wochengehalt kannst du uns retten.‘ Das steht uns einfach nicht zu. Das können wir nicht verlangen“, sagt Knorr.

Einen Kontakt zu Vater Souleyman Sané, der als Profi in Wattenscheid spielte, gibt es trotzdem: „Wir versuchen da, über mehrere Ecken Unterstützung zu bekommen – nicht nur finanziell. Es würde uns schon freuen, wenn er die Aktion auf Facebook und Instagram teilen würde.“ Über soziale Netzwerke erreicht der Nationalspieler insgesamt 4 Millionen User. Von diesen Reichweiten kann die SG Wattenscheid 09 mit 6.500 Facebook-Fans aktuell nur träumen.

„Die Jungs geben alles“

Es sind Tage der Entscheidung in Wattenscheid. Einen Lichtblick gibt die sportliche Situation: Trotz Gehaltsverzichts und der angespannten Situation spielt die Mannschaft ordentlich und hat zwei der vier drei Partien gewonnen. Im letzten Heimspiel gegen den Spitzenreiter aus Köln gab es einen 3:0-Sieg. Aktuell belegen die Wattenscheider mit 25 Punkten den zwölften Platz. „Die Jungs geben alles und hoffen, dass es funktioniert“, weiß Knorr.

Doch ob die Schwarz-Weißen zum nächsten Spiel gegen Bonner SC überhaupt noch antreten werden, bleibt derweil ungewiss.

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